Der Mythos

Einst als „Lurlaberch“ bezeichnet war der Fels schon seit altersher ein mystischer Ort. Ein Echo, das es hier früher gab, machte den Felsen noch geheimnisvoller. Die Stimmen konnten doch nur von Berggeistern, Zwergen oder Nymphen stammen...

Weiterentwicklung der literarischen Figur

Die nachfolgende Loreley-Dichtung reicht bis in 20. Jahrhundert zu Karl Valentin, Erich Kästner und Rose Ausländer und beruft sich vor allem auf Heine. Neben Nachdichtungen und Parodien existieren eigenständige Bearbeitungen. In Aloys Schreibers populären „Handbuch für Reisende am Rhein“ aus dem Jahr 1818 wurde die Loreley fälschlich zu den Rheinsagen gezählt und seitdem auch oft dafür gehalten. Die Rezeption vermischte die Inhalte der Ballade und des Rheinmärchens. Bestimmte Merkmale blieben allen Loreley-Figuren erhalten, andere variierten. Es entstand das Klischee.

 

In der Zeit des Vormärz wurde die Loreley politisiert – ein eher ungewöhnlicher Vorgang für eine literarische Figur – und als etwas typisch Deutsches vom aufkommenden Nationalismusgedanken vereinnahmt. Zwischen den Weltkriegen wurde der Felsen zu einem nationalen Symbol und die Figur Loreley zur Sirene einer falschen Romantik.

 

Die Loreley weltbekannt, aber zum Klischee geworden, ist heute ein interessantes Stück Kulturgeschichte.

Natur und Mythos

Carl Joseph Bregas, Die Lureley (1835)

Unheimliche Echos, gefährliche Strudel und dunkle Wasser haben die Phantasie der Menschen zu allen Zeiten angeregt. In der Zeit der Romantik war das Interesse an düsteren Themen besonders groß. Charakteristische Elemente der äußerst vielschichtigen romantischen Bewegung waren die Betonung von Sinnlichkeit, Gefühl und Fantasie, die gegenseitige Durchdringung von Bewusstem und Unbewusstem, eine neue Sensibilität für die Natur, die Verschmelzung von Kunst und der Wissenschaft sowie das Zurückgreifen auf die jeweilige nationale Vergangenheit und Literatur. Da die Loreley-Landschaft romantischem Denken und Empfinden entsprach, war sie der ideale Nährboden für die Dichtung dieser Epoche. Clemens Brentano hat seine Ballade also sehr bewusst in dieser Landschaft angesiedelt.

 

Auch heute ist die Frauengestalt Loreley untrennbar mit dem Mittelrhein verbunden – und umgekehrt.

Verführerische Schönheit

Odysseus am Felsen der Sirenen
Marilyn Monroe als Lorelei in "Blondienen bevorzugt"

Zwei Merkmale von Brentanos Lore Ley waren für den späteren Mythos bestimmend: die zauberhafte Schönheit dieser Frau und ihre unglückliche Liebe, an der sie zerbricht und die zu ihrem Tod führt. Schönheit und Tod sind mit dem Wasser verbunden, einem lebensnotwendigen aber auch bedrohlichen Element.

 

Die Melusine Lureley in Brentanos Rheinmärchen ist eine Wasserfrau, die mit einem Fluch belegt und ebenfalls unglücklich ist. Weil Lureleys Mann nicht an ein Verbot hält, muss sie ihn und ihre Kinder in Tiere verzaubern. Sie ähnelt der Meerjungfrau aus dem Märchen von Hans Christian Andersen und es bestehen Parallelen zu Frauengestalten der antiken Mythologie, wie zum Beispiel der Zauberin Kirke aus der Odyssee, die aus enttäuschter Liebe Männer in Schweine verwandelt, oder der Nymphe Kalypso, deren Schönheit unwiderstehlich ist.

 

Im Laufe der Entwicklung des Loreley-Motivs wurde aus der unschuldigen Frau, die sich wegen unerwiderter Liebe das Leben nahm, eine männermordende Verführerin. Loreley erscheint als schöne Hexe bei Eichendorff, oder als Sirene in Heines Gedicht, wo sie durch ihren magischen Gesang die vorbeifahrenden Schiffer ablenkt und in den Untergang treibt.

 

Von Heines Interpretation der Loreley war es nicht mehr weit zur „femme fatale“, wie die in der zweiten Hälfte des 19., Jahrhunderts auftaucht. Die Verhältnisse zwischen Mann und Frau ändern sich. Die Frau wird zum „Rätsel Weib“ und somit oft zur Tragödie des Mannes. So jedenfalls will es die männliche Vorstellungswelt der Zeit, die der Frau eine überwältigende Sinnlichkeit unterstellt. Die Kunst zeigt sie nun als personifizierte Sünde, als rätselhafte Sphinx oder Medusa mit dem Schlangenhaupt.

 

Im 20. Jahrhundert beeinflussten Frauen wie Marlene Dietrich, Marylin Monroe oder Brigitte Bardot das Frauenbild, welches seinerseits auch wieder von Männern – Josef Sternheim bei Marlene, oder Roger vadim bei B.B. – geschaffen worden war. Die stilisierte Weiblichkeit dieser Traumwesen sollte Männerfantasien anregen; nicht umsonst hatte Marylin Monroe in „Blondinen bevorzugt“ den Rollennamen Lorelei Lee.

Loreley heute

Noch immer lassen sich die Menschen gerne von einer „schönen Zauberin“ faszinieren, auch wenn der Grund ein anderer ist wie vor 200 Jahren. War es damals der Gedanke der romantischen Bewegung, so ist es heute ein individuelles Gefühl, das wir auch romantisch nennen.

 

Ende des 19. Jahrhunderts wurde die Loreley zunehmend kommerzialisiert. Beispielsweise hieß ein Autotyp Loreley, außerdem benutzen Restaurants und Hotels in aller Welt diesen Namen. Abgesehen von den vielfältigen Souvenirs für den unterschiedlichen Geschmack, die sich großer Beliebtheit erfreuen.

 

Auch heute finden sich noch eine Reihe von Produkten, die den Namen Loreley tragen, etwa philippinische Thunfisch-Konserven oder diverse alkoholische Brände wie „Tränchen der Loreley“ oder „Loreley Wasser“. Ebenso ist der Name Lorelei in den USA durchaus kein ungewöhnlicher Mädchenname.

Zu Bacharach am Rheine

von Clemens Brentano

Zu Bacharach am Rheine
Wohnt eine Zauberin,
Sie war so schön und feine
Und riß viel Herzen hin.

 

Und brachte viel zu schanden
Der Männer rings umher,
Aus ihren Liebesbanden
War keine Rettung mehr.

 

Der Bischof ließ sie laden
Vor geistliche Gewalt --
Und mußte sie begnaden,
So schön war ihr Gestalt.

 

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Ich weiß nicht, was soll es bedeuten

von Heinrich Heine

Ich weiß nicht was soll es bedeuten,
Dass ich so traurig bin;
Ein Märchen aus alten Zeiten,
Das kommt mir nicht aus dem Sinn.

 

Die Luft ist kühl und es dunkelt,
Und ruhig fließt der Rhein;
Der Gipfel des Berges funkelt
Im Abendsonnenschein.

 

Die schönste Jungfrau sitzet
Dort oben wunderbar;
Ihr goldnes Geschmeide blitzet,
Sie kämmt ihr goldenes Haar.

 

Hier können Sie das ganze Gedicht lesen