Clemens Brentano

Franz Stuck, Die Sünde (1893)

Er war der erste, der eine Frau mit dem Namen Lore Lay schuf. In seinem Roman „Godwi“ veröffentlichte er die Ballade „Zu Bacharach am Rheine“.

 

Lore Lay war eine hinreißend schöne Frau, die die Männer verzauberte und Unheil brachte. Sie selbst war jedoch unglücklich verliebt und wollte sterben. „Mein Schatz hat mich betrogen, hat sich von mir gewandt, ist fort von hier gezogen, fort in ein fremdes Land ...“

 

Dem Bischof kam dies zu Ohren, er ließ sie zu sich kommen. „Herr Bischof lass mich sterben, ich bin des Lebens müd“ bat sie ihn. Doch als er sie sah, war es auch um ihn geschehen – er konnte kein Todesurteil über sie aussprechen. „Ich kann dich nicht verdammen, bis du mir erst bekennt, warum in diesen Flammen mein eigen Herz schon brennt …“ Er entschied, dass sie in ein Kloster gehen sollte. Hinter dicken Mauern könne sei kein Unheil anrichten. Drei Ritter sollten sie dorthin begleiten. Unterwegs bat Lore Lay noch einmal auf den Felsen hinauf zu dürfen. Oben angekommen, glaubte sie ein Schiff mit ihrem Geliebten an Bord zu sehen. Sie trat vor – und stürzte in den Rhein...

Zu Bacharach am Rheine

Zu Bacharach am Rheine
Wohnt eine Zauberin,
Sie war so schön und feine
Und riß viel Herzen hin.


Und brachte viel zu schanden
Der Männer rings umher,
Aus ihren Liebesbanden
War keine Rettung mehr.


Der Bischof ließ sie laden
Vor geistliche Gewalt --
Und mußte sie begnaden,
So schön war ihr Gestalt.


Er sprach zu ihr gerühret:
»Du arme Lore Lay!
Wer hat dich denn verführet
Zu böser Zauberei?«


»Herr Bischof laßt mich sterben,
Ich bin des Lebens müd,
Weil jeder muß verderben,
Der meine Augen sieht.


Die Augen sind zwei Flammen,
Mein Arm ein Zauberstab --
O legt mich in die Flammen!
O brechet mir den Stab!«


»Ich kann dich nicht verdammen,
Bis du mir erst bekennt,
Warum in diesen Flammen
Mein eigen Herz schon brennt.


Den Stab kann ich nicht brechen,
Du schöne Lore Lay!
Ich müßte dann zerbrechen
Mein eigen Herz entzwei.«


»Herr Bischof mit mir Armen
Treibt nicht so bösen Spott,
Und bittet um Erbarmen,
Für mich den lieben Gott.


Ich darf nicht länger leben,
Ich liebe keinen mehr --
Den Tod sollt Ihr mir geben,
Drum kam ich zu Euch her. --


Mein Schatz hat mich betrogen,
Hat sich von mir gewandt,
Ist fort von hier gezogen,
Fort in ein fremdes Land.


Die Augen sanft und wilde,
Die Wangen rot und weiß,
Die Worte still und milde
Das ist mein Zauberkreis.


Ich selbst muß drin verderben,
Das Herz tut mir so weh,
Vor Schmerzen möcht ich sterben,
Wenn ich mein Bildnis seh.


Drum laßt mein Recht mich finden,
Mich sterben, wie ein Christ,
Denn alles muß verschwinden,
Weil er nicht bei mir ist.«


Drei Ritter läßt er holen:
»Bringt sie ins Kloster hin,
Geh Lore! -- Gott befohlen
Sei dein berückter Sinn.


Du sollst ein Nönnchen werden,
Ein Nönnchen schwarz und weiß,
Bereite dich auf Erden
Zu deines Todes Reis'.«


Zum Kloster sie nun ritten,
Die Ritter alle drei,
Und traurig in der Mitten
Die schöne Lore Lay.


»O Ritter laßt mich gehen,
Auf diesen Felsen groß,
Ich will noch einmal sehen
Nach meines Lieben Schloß.


Ich will noch einmal sehen
Wohl in den tiefen Rhein,
Und dann ins Kloster gehen
Und Gottes Jungfrau sein.«


Der Felsen ist so jähe,
So steil ist seine Wand,
Doch klimmt sie in die Höhe,
Bis daß sie oben stand.


Es binden die drei Ritter,
Die Rosse unten an,
Und klettern immer weiter,
Zum Felsen auch hinan.


Die Jungfrau sprach: »Da gehet
Ein Schifflein auf dem Rhein,
Der in dem Schifflein stehet,
Der soll mein Liebster sein.


Mein Herz wird mir so munter,
Er muß mein Liebster sein!« --
Da lehnt sie sich hinunter
Und stürzet in den Rhein.


Die Ritter mußten sterben,
Sie konnten nicht hinab,
Sie mußten all verderben,
Ohn Priester und ohn Grab.


Wer hat dies Lied gesungen?
Ein Schiffer auf dem Rhein,
Und immer hats geklungen
Von dem drei Ritterstein:


    Lore Lay
    Lore Lay
    Lore Lay


Als wären es meiner drei.